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Wir tanzen Tango virtuell

So funktioniert DA_ZWISCHEN – zurzeit

DA_ZWISCHEN ist eine vor fünf Jahren im Bistum Speyer gegründete digitale Community, die wesentlich über die Vernetzung per Messenger funktioniert. Es geht darum, das Evangelium und Gottes DA-sein „dazwischen“, mitten im Alltag transparent werden zu lassen und damit einen Resonanzraum für die persönliche christliche Lebensgestaltung zu schaffen. Montags und freitags bekommen die Nutzer*innen (= Mitglieder) eine Nachricht per WhatsApp, Telegram oder Facebook-Messenger mit einem Impuls, der zum Wochenbeginn meistens fragend aufgebaut ist und zur persönlichen Auseinandersetzung und zu einer Reaktion einlädt. Aus den Beiträgen der Nutzer*innen kreiert ein Team freitags eine zusammenfassende Nachricht, die die Reaktionen der Nutzer*innen gesammelt, gebündelt oder exemplarisch in ihrer Bandbreite abbildet. Der interaktiv erstellte Content ist im Blog www.netzgemeinde-dazwischen.de zu finden. Aus den Impulsen entwickeln sich immer wieder längere Chats, die von dem Team erfahrener Seelsorger*innen beantwortet werden. Aktuell sind 4500 Mitglieder angemeldet, von denen ca. 10 % wöchentlich mit einer kurzen oder längeren Beteiligung aktiv reagieren. Das DA_ZWISCHEN-Team besteht aktuell aus neun Hauptberuflichen und zwei freiwillig engagierten Personen, die aus den vier Bistümern stammen, die gleichzeitig auch die Trägerbistümer des digitalen Erprobungsraums sind: Speyer, Würzburg, Freiburg und Köln. Zusätzlich startet das Team immer wieder projekthafte Aktionen wie z. B. die digitale Kapelle zur 72-Stunden-Aktion des BDKJ, eine Kooperation mit dem ökumenischen Jugendkreuzweg, einen Exerzitienweg über Chatgruppen oder ganz aktuell einen digitalen Weihnachtsmarkt auf Gather-Town (https://netzgemeinde-dazwischen.de/digitaler-weihnachtsmarkt/). Seit der Pandemie bietet DA_ZWISCHEN auch einen Sonntagsgottesdienst, der als Chatgottesdienst asynchron abgerufen und individuell gestaltet werden kann.

Was uns antreibt

Hier stehen keine großen Sätze, wie man sie von markanten Mission-Statements erwarten würde. Wir reihen uns ein in die großartige Versammlung der vielen – oft unscheinbaren – Engagierten, die etwas von dem, was sie vom Evangelium verstanden haben, in ihrem Leben umsetzen wollen: Unser Antrieb ist die Suche nach der „kreativen Konfrontation von Existenz und Evangelium“ (R. Bucher). Etwas bildlicher: Wir haben Freude am Tango zwischen Glaube und Existenz. Dabei versuchen wir, der Existenz nicht auf den Füßen rumzustehen. Und das nicht, weil wir in erster Linie an die Existenz irgendeiner Zielgruppe denken, sondern einfach, weil wir unsere eigene Lebenswirklichkeit ernst nehmen wollen. Viele der Themen entstehen aus unserer Sehnsucht, die an der Schnittfläche der persönlichen Glaubenssuche und einer Weltbegegnung mit offenen Augen entsteht. Nochmal auf pastoraltheologisch: kontextualisierter, relevanter Glaube fürs Heute. Das ist unser Antrieb. Dass die Ursprungsidee der Netzgemeinde in der klassischen „Werkwoche“ (Montag bis Freitag) ansetzt – also im Alltag –, passt nur zu gut.

Der Alltag – oder: Der Existenz nicht auf den Füßen rumstehen

Wann frühstücken Sie am liebsten? Wann brauchen Sie eine Pause? Wo beten Sie gerne? Wo feiern Sie gerne Ihren runden Geburtstag? Natürlich beantworten wir diese Fragen alle unterschiedlich. Doch vor wenigen Jahrzehnten waren die Antworten darauf gesellschaftlich monopolisiert. Neben anderen Faktoren hat vor allem die Digitalisierung die Dynamik der Individualisierung verstärkt. Dies greifen wir auf: Als digitales Angebot ist DA_ZWISCHEN nicht einfach ein anderes Medium, sondern versucht, veränderte Lebenswirklichkeiten ernst zu nehmen. Das heißt, das Angebot per Messenger auf meinem Smartphone kann ich dann abholen, wann und wo und auf welche Weise es für mich passt.

Wann: Die Impulse (montags und freitags) und den Sonntagsgottesdienst (immer ab Samstag 18 Uhr) kann ich zu einer Zeit öffnen, die mir passt. DA_ZWISCHEN ist „Me-Time“. Zeit für Gott und mich, zu dem Zeitpunkt, der in meinen Lebensrhythmus passt. Die überraschende Erfahrung dabei ist, dass Verbundenheit und Gemeinschaft auch zeitversetzt gelingt. Asynchronität wird zum „Sym-pathos“, ein Zusammen-fühlen und Zusammenglauben. Digitale Kommunikation hat das Telefonieren durch zeitversetzte Voicemessages ebenso individualisiert: Ich sende und empfange dann, wenn es passt.

Wo: In der Badewanne oder beim Spazierengehen. Orte öffnen in mir unterschiedliche Räume und Stimmungen. Mit meinem Smartphone bewege ich mich durchgängig an „meinem“ Ort – ich bewege mich wortwörtlich in meinem Bio-top: dem Lebensort, an dem ich meine Geschichte schreibe, wo ich Schönes und Schweres erlebe, dort, wo meine Herausforderungen wohnen. Auf diesen lebensgetränkten Boden fällt das Evangelium.

Auf welche Weise: Von den 4500 Mitgliedern reagieren zwischen 150 und 500 Personen pro Woche auf die Impulse. Es steht jeder Person frei, ob und wie intensiv sie auf die Impulse antwortet. Diese Freiheit und Freiwilligkeit zeichnet digitale Kommunikation aus. Zudem kann ich selbst als Nutzer*in entscheiden, ob ich anonym bleiben will oder mich zu erkennen gebe, z. B. meinen Namen mitteile. Eine entscheidende Erkenntnis nach fünf Jahren anonymer Chats: Ich kann anonym sein, aber trotzdem persönlich kommunizieren. Auch ist die Erfahrung, ohne Ansehen der Person zu agieren, nicht nur für Nutzer*innen erleichternd, sondern auch für uns als Team.

Bisherige Formen christlicher Liturgie und Glaubenskommunikation waren und sind oft an feste Orte, Zeiten und Formen gebunden, was auch weiterhin in bestimmten Kontexten Sinn macht. Trotzdem gilt es, den pluralen Lebensvollzügen nicht monoton im Weg zu stehen, sondern die digital forcierten Entgrenzungen fester Orte, Zeiten und Formen aufzugreifen. Es wird jetzt bereits sichtbar, dass sich durch die selbstverständliche digitale Kommunikation auch soziale Interaktion und damit auch religiöse Kommunikation, religiöse Selbstverständnisse und Gemeindeformen verändert haben und weiter verändern werden: Es wird zu den verfassten, festen Formen von Gemeinde immer mehr fluide, nicht-konfessionelle, diskursive, situative, individualisierte Gemeindeformen geben (vgl. Faix 2020). Die bei DA_ZWISCHEN erfahrene Entgrenzung und Verflüssigung bisheriger christlicher Praxis und Sozialform haben, wie beim Tanzen, viel mit Vertrauen und Raumgeben zu tun. Pastoraltheologisch verorten wir unser Handeln im Sinne einer „raumgebenden Pastoral“ (vgl. Sellmann 2017). Damit es kein beziehungsloser Tanz bleibt, lebt dieses Platzmachen von achtsamen Tanzhaltungen, ganz im Sinne der Spiritualität einer Kirche, die Platz macht: „Höfliche Leute gewähren anderen um sich herum Raum; großzügige Leute haben Spaß an der Entfaltung der anderen“ (ebd. 80).

Das Evangelium – oder: Diese Tanzhaltungen machen uns aus

Anonymität ist nicht das Problem. Das Problem von christlichen Gemeinschaften fängt dort an, wo den Mitgliedern vermittelt wird: Es ist egal, ob du da bist oder nicht. Dieses Gefühl kennen alle, die schon einmal einen Ortswechsel hinter sich hatten und auf eine Kirchengemeinde gestoßen sind, die sich scheinbar nicht für „die Neuen“ interessiert. Es geht nicht darum, einzelnen Gemeinden oder Mitgliedern Vorwürfe zu machen, sondern darum, einzusehen, dass sich ein Kulturwandel vollzogen hat, der auf ein Willkommenheißen und eine selbstverständliche Form der Mitgestaltung und Selbstwirksamkeit setzt. Eine Kultur, in der jede*r Einzelne eine Bedeutung hat, ist keine Strategie der Mitgliedergewinnung, sondern lebt aus dem Kern des Evangeliums. Die ursprüngliche Berufungserfahrung des Menschen entfaltet Christoph Theobald genau in diese Richtung: Das Hören des Evangeliums ist vor allem das individuelle Hören der „Neuigkeit (-aggelion) von einem radikalen Gutsein (eu-)“ (Theobald 2018, 33). Dabei trifft die Botschaft von der Relevanz und des Gutseins des Menschen auf unsere Zukunftsfragen. Yuval Noah Harari bezeichnet die Erfahrung, Bedeutung zu haben, als eine zentrale Herausforderung unserer Gesellschaft, die durch die „technologische Zwillingsrevolution in Informationstechnologie und Biotechnologie“ Gefahr läuft, „eine massenhafte neue Klasse der Nutzlosen [zu schaffen]“ (Harari 2018, 39). Aus christlicher Sicht gilt dem Menschen genau das Gegenteil, das jedoch kommuniziert, gelebt und geglaubt werden will: Du hast Bedeutung. Und zwar nicht dadurch, dass du unter Bedingungen von Leistung und Liebesgunst anderer stehst.

Diese Botschaft und Haltung versuchen wir durch unser Format und den Kommunikationsstil zu konkretisieren:

DA_ZWISCHEN ist interaktiv – und zwar so, dass das Neue erst durch die Interaktion entsteht. Die Freitagsimpulse sind in den meisten Fällen ein Ergebnis der Interaktionen durch die Community. Natürlich bearbeitet das Team den Content redaktionell, oft in dem Sinn, dass eine plurale Bandbreite an Menschen und Meinungen deutlich wird. Die Community kreiert ihren Content durch die Mitglieder, die wiederum ihre eigene Selbstwirksamkeit im co-kreativen Prozess entdecken können. Das Format entspricht damit nicht nur der Logik von Social Media mit dem user generated content. Es basiert auf theologischen Implikationen der Taufgnade und einem Volk-Gottes-Verständnis, das die Mitwirkung aller am Reich Gottes ernst nimmt. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Kirche über alle Konfessionen hinweg vor allem eine Kommunikationsweise beherrscht: one-to-many. „Mit Blick auf die Mediennutzung aber entsteht der Eindruck, dass viele Pfarrpersonen in eine Art von Nachrichtenmodus verfallen. Sie scheinen wenig auf Interaktion aus zu sein, sondern kommunizieren one-to-many“ (Nord/Luthe 2020). Eine Kirche, die auf das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen setzt, sieht anders aus. „One-to-many Kommunikationen erreichen hier unseres Erachtens kaum Resonanzen, weil Menschen weder online noch offline nur Konsumentinnen von (digitalen) Angeboten sind. Sie sind gleichzeitig Produzentinnen und Mitkonstruierende (prosumer) ihrer Beziehungen zu sich selbst und zur Welt sowie deren Darstellungsweisen im Spiel vernetzter Diskursgemeinschaften“ (ebd.). Deshalb versuchen wir uns an einer interaktiven Demokratisierung der Liturgie, die die direkte Beteiligung fördert, Macht und Kontrolle abgibt und mit der Unverfügbarkeit einerseits und Allgegenwärtigkeit Gottes andererseits rechnet.

DA_ZWISCHEN ist persönlich. Indem wir auf jeden Chat persönlich und möglichst zeitnah antworten, versuchen wir als Team durch kleine Signale auszudrücken: Du bist persönlich gemeint. Durch eine frische Ästhetik und lebensnahe Sprache versuchen wir auszudrücken: Was du einbringst, bekommt bei uns eine schöne Bühne. In diesem Sinn ist unsere Kommunikationsweise auch durch die erste Person Singular geprägt: Die Impulse fragen meist nach der persönlichen Geschichte und den individuellen Erfahrungen. Die Chancen einer biografiezentrierten Kommunikation wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt. Dabei entspricht Storytelling nicht einfach dem digitalen Kommunikationsstil in den sozialen Netzwerken, sondern deckt sich mit zeitgemäßer Glaubenskommunikation und der Genetik christlicher Glaubens­verkündigung: „Storytelling ist vielmehr ein grundlegender Ansatz für jede Situation, in der Glaube artikuliert wird“ (Schröder 2017).

DA_ZWISCHEN vertraut. Das Netz ist voll von zweifelnder, missmutiger und misstrauender Rede. Wir stehen – wie auch andere, nichtchristliche Akteure im Netz – für andere Werte. Statt Misstrauen pflegen wir eine Kommunikation des Vertrauens. Wer sich einbringt, hat einen guten Grund. Wer seine persönliche Geschichte und Erfahrung teilt, wird geschätzt und ernst genommen. Dies fängt im Kleinen an: Wenn ein Mitglied etwas für mich Unverständliches oder gar Irritierendes schreibt, dann gehen wir immer davon aus, dass es einen guten Grund und eine persönliche Geschichte hat, warum dies jemand schreibt.

DA_ZWISCHEN ist neugierig. Wir versuchen, mit unserem Content zeitnah, dynamisch, experimentier- und überraschungsfreudig zu bleiben, um die Beteiligungen der Community, gesellschaftliche Ereignisse und digitale Entwicklungen aufzugreifen. „Die Überraschung zeigt uns, dass mindestens noch eine andere, vielleicht bessere Lösung existiert und dass das, was wir für richtig hielten, möglicherweise ein Holzweg war“ (Lotter 2017).

Das theologische Fundament für diese Ansätze liegt in einer im 20. Jh. wiederentdeckten anthropologischen und mystagogischen Theologie, die das II. Vatikanum lehramtlich aufgegriffen hat und die im evangelischen Kontext als missionale Theologie mittlerweile viele Vertreter*innen hat. Jesus Christus ist Selbstmitteilung Gottes: In Christus ist die unbedingte Liebe Gottes zu den Menschen Fleisch geworden, konkret geworden und hat Geschichte und Gesicht bekommen. Es gibt keinen Ort, keine Geschichte und keinen Menschen mehr, der ohne Gott ist. In diese Sendung Gottes (missio dei) dürfen wir als „Missionare“ einschwingen, und zwar genau in dieser Haltung: „Wir müssen die Stadt [oder den digitalen Raum] von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes […] muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden“ (Evangelii gaudium 71).

Offene Fragen und wohin die Reise gehen könnte

Entwicklungspotentiale sehen wir an vielen Stellen: ein Empowerment, das Selbstinitiative und Weiterentwicklung der gewachsenen Formen durch freiwillig Engagierte fördert. Weitere Versuche von zeitbegrenzten, intensiven digitalen Gruppenerfahrungen stehen auf unserer Agenda. Eine Forschungsfrage sollte in Zukunft stärker in den Blick genommen werden, was aber unsere Möglichkeiten übersteigt: Welche Wirkfaktoren geben Nutzer*innen das Gefühl einer Verbundenheit und Gemeinschaft, obwohl sie nicht am selben Ort sind oder zur selben Zeit beten oder obwohl sie sich nicht kennen? Die US-Kommunikationswissenschaftlerin und Expertin für digitale Religion Heidi A. Campbell unterscheidet hilfreich zwischen „transferring“ (Liveübertragung eines analogen Gottesdienstes), „translation“ (der Versuch, analoge Gottesdienste an eine digitale Form anzupassen) und „transforming“ (Entwicklung neuer digitaler Formen für digitale Formate) (vgl. Faix 2020). Wir ahnen, dass im Bereich des Transforming noch vieles erprobt werden kann und muss. Es gilt auch hier die über 200 Jahre alte Innovationslogik des Physikers Georg Lichtenberg: „Das Neue kann man nur sehen, wenn man das Neue macht“ (zit. nach Lotter 2018, 26).

Bis März 2020 sind wir unter dem Radar der Bistumsleitungen geflogen und tun dies teilweise immer noch. Was auch verständlich ist: In vielen kirchlichen Führungskreisen ist die digitale Affinität bekannterweise nicht ausgeprägt. Corona hat gezeigt, dass das Verhältnis zu digitalen Medien viel mit biografischer Prägung zu tun hat. Wer erfahren hat, dass Beziehung, Gebet, Resonanzerfahrung, Inspiration und Glaubensvertiefung auch über digitale Medien gelingt – und manchmal sogar intensiver als im analogen Kontext –, der reduziert seine Bedenken gegenüber diesen Medien und kann realistisch kritisch bleiben. Außer er*sie stuft die Dynamik der Digitalität als Bedrohung des eigenen Selbstverständnisses oder des eigenen Monopols ein. So sehen wir durch Corona verstärkt das Monopol der analogen Kirchengemeinde in Frage gestellt. Bei den zahlreichen fluiden Formen von digitaler Kirche erkennen viele das Potential von virtuellen Personalgemeinden. Es wäre doch ein mutiger Erprobungsraum, eine digitale Personalgemeinde mit gestufter Mitgliedschaft zu gründen. Die Folgefragen dürfen dabei nicht abschrecken, sondern sollen herausfordern: Welche Merkmale von Gemeinde sind wesentlich und lassen diese sich digital realisieren?

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich 2020 auf futur2.org (hier in aktualisierter Fassung).