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Weltbekehrungen

Es schlagen gewissermaßen zwei Herzen in der Brust dieser Arbeit: Zum einen geht es um einen breit angelegten Durchgang durch ältere und neu­ere religionssoziologische „Klassiker“, die selektiv auf Beiträge zur Differenzierungs- und Globalisierungstheorie hin ausgewertet werden. Dies mündet in eine kritische Evaluation religionssoziologischer Theo­riebildung, insbesondere der Niklas Luhmanns. Der andere, etwa gleich große Teil greift diese Theoriebildung auf und wendet sie konkret an auf die Untersuchung pfingstlich-evangelikaler Mission (für Petzke sind Pfingstlertum und Evangelikalismus – gerade im Bereich der missiona­rischen Strategien – nicht zu trennen).

Die rund 450 gehaltvollen Seiten dieser soziologischen Dissertation (ge­folgt von über 50 Seiten Literatur) sind gerade für den im Bereich Sozio­logie weniger versierten Leser anspruchsvoll. Martin Petzke versteht es freilich durchaus, ein zu starkes Abgleiten in fachsprachliche Eigenwel­ten zu vermeiden und gelegentlich soziologische Einsichten anhand von Beispielen zu erläutern; hilfreich sind insbesondere auch die regelmäßi­gen Zusammenfassungen, Fazite und Überleitungen, mit denen der Au­tor durch seine Gedankengänge führt. Flüssiger und spannender liest sich für den Rezensenten dennoch der zweite Teil, der für den missions­wissenschaftlich interessierten Leserkreis im Fokus dieser Besprechung stehen soll.

Petzke untersucht dort eine Sinnperspektive, die das pfingstlich-evan­ge­li­­kale Christentum grundlegend prägt: die Konzentration auf Mission, genauer: auf Bekehrungen, die generalstabsmäßig angezielt werden. Für eine solche Missionsplanung sind Informationen, Daten notwendig. So beginnt Petzke den zweiten Teil der Arbeit mit einem „historischen Exkurs“ (VII.), der freilich keineswegs nebensächlich ist, sondern als Grundlage für die weiteren Abschnitte beschreibt, wie Religion – insbe­sondere das protestantische Christentum – im 17. Jahrhundert mit der Beobachtung und später dann auch mit der statistischen (und kartogra­fi­schen) Erfassung von Religionszugehörigkeiten auf globaler Ebene be­gann. Diese „Selbstbeobachtung“ von Religion ist keineswegs selbstver­ständlich, sondern – wie Petzke herausarbeitet – eine Konstruktion von Religion, ohne die das spezifische Gepräge evangelikaler Mission nicht verstehbar wäre: Nicht nur werden Religionen in ihrer Verbreitung und als „Konkurrenten“ auf Weltebene in den Blick genommen, sondern es wird dazu von der genau bestimmbaren Zugehörigkeit jedes Menschen zu einer genau bestimmbaren Religion ausgegangen, die durch Konver­sion vom Individuum in freier Entscheidung geändert werden kann. Wie selektiv diese Perspektive ist, zeigt sich nicht nur etwa heute am Typus des „spirituellen Wanderers“, für den die Mitgliedschaftsfrage weitgehend bedeutungslos geworden ist, sondern historisch beispiels­weise an Indien, wo es im 18. Jahrhundert den Hinduismus als „Weltre­li­gion“ noch gar nicht gab, sondern (neben besser abgrenzbaren Religio­nen wie Islam und Christentum) nur eine unüberschaubare Vielfalt an Kulten und religiös-kulturellen Vorstellungen, die keineswegs mit einer Missions- und Konversionsperspektive christlicher Prägung verbunden waren.

Diese Beobachtungs- und Missionsperspektive hat sich im amerikani­schen Evangelikalismus und in der Folge im pfingstlich-evangelikalen Feld weltweit im 20. Jahrhundert professionalisiert und verstetigt (IX.). Petzke führt den Leser durch u. a. mit der Gemeindewachstumsbewe­gung verbundene Institutionen, die mit ausgefeilten Systematiken jede Veränderung der Religionszugehörigkeit registrieren und für die Zu­kunft Prognosen erstellen. Auf dieser Grundlage planen andere Organi­sa­­tionen ihre weltweiten Missionseinsätze und -strategien. Die mit die­ser numerisch-statistischen Perspektive verbundenen Eigenlogiken werden etwa in der Rede von der evangelisationsbezogenen Unter- bzw. Überversorgung bestimmter Gebiete oder vom „10/40-window“ (der besonders wenig christianisierte Bereich zwischen dem 10. und 40. nördlichen Breitengrad) deutlich, aber auch im ausgeklügelten Kalkül in den großen und minutiös durchgeplanten Missionskampagnen etwa eines Reinhard Bonnke, die Petzke analysiert. Verständlich ist das alles nur vor dem Hintergrund einer Naherwartung, die zum evangelisato­ri­schen Erreichen aller Menschen antreibt – eine theologische Perspek­tive, die Petzke freilich nur anreißt (278 f.; 318 f.).

So generiert sich – und damit sind wir wieder beim anderen der beiden Schwerpunkte des Buches, nämlich bei der religionssoziologischen Theo­rie – das pfingstlich-evangelikale Christentum als eigenständiges, globales Funktionssystem mit ausgeprägten Organisations- und Sinn­struk­turen und Eigengesetzlichkeiten auf Augenhöhe etwa mit Politik und Wirtschaft. Damit zeichnet Petzke aber ein anderes Bild von Religi­on, als es in den Entwürfen von etlichen europäischen Religionssoziolo­gen entstanden ist, die mit einem auf die europäische Situation vereng­ten Blick in der fortschreitenden Säkularisierung v. a. die zunehmende Marginalisierung von Religion gegenüber anderen Großsystemen wahr­nahmen. Petzkes Arbeit dagegen erweitert in beiden Hauptteilen den Fokus auf unterschiedliche Entwicklungen von Religion in der globalen Moderne.

Im einem letzten großen Abschnitt (X.) stellt Petzke schließlich dar, wie die evangelikale Konversionsperspektive andere Religionen geprägt hat und weiterhin beeinflusst. Am Beispiel des Hinduismus, des Buddhis­mus (speziell in Sri Lanka) und des Islam (in einigen afrikanischen Län­dern und in Indonesien) zeigt er, wie teilweise erst die Auseinanderset­zung mit christlicher Mission zur Konstruktion einer mit dem Christen­tum vergleichbaren Mitgliedschafts- und Missionsreligion geführt hat (bei Hinduismus und Buddhis­mus) und wie sich in Analogie zu protes­tantischen Missionsgesellschaften Organisationen zur Konversionsbeo­bachtung, -verhinderung, Rekonversion und eigenen Mission (inkl. unterstützender sozial-karitativer und Medien-Unternehmungen) gebildet haben.

Ähnlich verhält es sich heute mit dem lateinamerikanischen Katholizis­mus, der bereits deutlich Boden an Pfingstkirchen abgeben musste: Auch wenn für die katholische Kirche Mission kein Fremdwort ist, son­dern zum theologischen Grundwortschatz gehört, so führte doch gerade der Verlust der Quasi-Monopolstellung in Lateinamerika zu vielfältigen Reaktionen: einer verstärkten Beobachtung der Bewegungen im religiö­sen Feld und der Herausbildung von Gegenorganisationen, die pfingst­le­rische Formen teilweise deutlich imitieren: etwa wenn katholische Priester genauso wie Pfingstpastoren als multimediale, charismatische „Pop-Stars“ auftreten.

So weit nur einige wenige Einblicke in das umfangreiche Werk. Aus der Sicht eines katholischen Theologen bietet es nicht nur eine bereichern­de soziologische Perspektive auf Religion und Christentum, sondern auch diverse Einsichten in die spezifischen Rationalitäten evangelikalen Denkens, die zu einem besseren Verstehen in der ökumenischen Begeg­nung beitragen können. Dabei wird – das ist aus der Perspektive der Weltanschauungsarbeit besonders zu würdigen – auch der Blick für kritische Aspekte und Konfliktpotentiale geschärft. Insgesamt wirft die Arbeit gerade für im Bereich missionarische Pastoral Tätige vielfältige Fragen auf, die zu weiterem Nachdenken einladen:

  • Wie stark werden Religionen durch Einflüsse anderer Religionen ge­prägt? Petzke geht nur auf die katholische Kirche in Lateinamerika ein. Aber auch in der deutschen Kirche fallen immer stärker „evange­li­ka­le Züge“ auf: Es wird die Bedeutung einer „persönlichen Bezie­­hung zu Jesus“ hervorgehoben, eine „bewusste Entscheidung für den Glauben“ eingefordert, und neue geistliche Bewegungen stehen quer zur herkömmlichen volkskirchlichen Prägung, schulen für das Glau­benszeugnis und führen groß angelegte Evangelisationskampagnen durch, die viele Stilelemente aus dem pfingstlich-evangelikalen Be­reich aufweisen.
  • Was macht Religion aus? Petzkes Arbeit hilft, ein „europäisches“ Denken, das von der eher statischen Dominanz großer christlicher Kirchen mit festen Mitgliedschaftsstrukturen geprägt ist, aufzu­spren­gen. In den USA ist beispielsweise ein Wechsel zwischen ver­schiedenen Denominationen und Religionen wesentlich häufiger als bei uns. Im Bereich der asiatischen Religionen ist dagegen „Mitglied­schaft“ häufig ein Fremdwort, sind Religion und Kultur kaum unter­scheidbar. Ein Blick auf solche unterschiedlichen Weisen von Religion lohnt sich auch für Europa, wo die herkömmlichen religiösen, d. h. kirchlichen Mitgliedschaftsstrukturen zunehmend auf- und zusam­menbrechen, wo Spiritualität von vielen heute jenseits fester Zuge­hö­­rigkeiten gepflegt wird und wo der eigene Glaube immer mehr von der eigenen Entscheidung und nicht von der Erziehung durch die Eltern abhängt. Wie weit kann sich Kirche auf diese neuen Formen, religiös/spirituell zu sein, einlassen?
  • Was verstehen wir unter Mission, und wie gehen wir mit verschie­denen Missionsverständnissen um? Genauer: Wie vertragen sich ein evangelikales Missionsverständnis und die dahinterliegende Soterio­logie und Eschatologie mit einem Verständnis von Mission, wie es etwa das Zweite Vatikanum entwickelt hat? Alles andere als neue Fragen, die aber dennoch einen immer noch häufig unterschätzten Knackpunkt in der interkonfessionellen Zusammenarbeit darstellen, gerade da Mission – wie Petzke auch in historischer Perspektive auf­zeigt – in der Begegnung der Religionen erhebliches Konfliktpotential aufweisen kann.

Martin Hochholzer